Karl erzählt – Arnstadt im Jahre 1267
Karl erzähltEs ist ein warmer Frühlingsmorgen, kurz nach Ostara, das die Christen jetzt Ostern nennen. Karl sitzt auf einem Stein oben auf der alten Burg und schaut auf sein Arnisthede hinunter. Sein Heimatort ist inzwischen gewachsen, hat bereits eine Stadtmauer und wirtschaftliche Bedeutung bekommen. Arnisthede gehört zur Hälfte dem Reichskloster Hersfeld, die andere Hälfte den Käfernburger Grafen.
Das Stadtrecht hat Arnisthede erst im vorigen Jahr 1266 am 21. April erhalten. Karl schaut über die Ebene bis nach Erfurt, links sieht er die Wachsenburg und die Burg Gleichen. 1270 Jahre sind nach der Geburt Christi vergangen. Viel ist den Thüringern passiert in diesen tausend Jahren, das Trauma ihrer Vernichtung durch die Merowinger im Bündnis mit den Sachsen ist noch nicht überwunden.
O du trauriges Los des Krieges, du neidisches Schicksal, in wie plötzlichen Sturz sinken doch Reiche dahin. Lange gesicherte Stätten des Glücks, hochragende Giebel liegen, vom Sieger verbrannt, kläglich in Trümmern und Schutt. … Jetzt kann Troja nicht mehr allein sein Ende beweinen, denn auch Thüringen litt ebenso blutigen Mord.
Karl erzähltKarl sinniert über das Klagelied der Radegunde, Tochter des Thüringer Königs Bertachar, geraubt nach der Schlacht bei Schidingi und zwangsverheiratet mit Chlothar, König der Merowinger. Über 700 Jahre ist es her, dass die Merowinger das Thüringer Königreich überfielen und die königliche Familie von König Herminafrid ermordeten. Der heiligen Radegunde ist auf der nahen Mühlburg eine Kapelle errichtet worden.
Ein Streit im Jahre 786 um eine Thüringerin adliger Herkunft, die Tochter des Grafen Hardrad, löste den Thüringer Aufstand unter Hardrad gegen Karl den Großen aus. Die Zwangsverlobung widersprach dem Thüringer Stammesrecht.
Heinrich II. erließ uns Thüringern kurz nach seiner Krönung 1002 den Schweinezins, den wir nach dem verlorenen Krieg 531 fast 500 Jahre an den jeweils herrschenden König zu zahlen hatten. Was wird die Zukunft bringen? Können die Thüringer wieder um ihre Freiheit kämpfen und die Fremdherrschaft abschütteln? Man wird sehen…
Unter Konrad II.
Durch die Krönung von Otto I. am 2. Februar 962 in Rom entstand das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Es entstanden damit neue Reichsinitialen. Die für die Entwicklung der Deutschen Nation unheilige Allianz zwischen dem romanischen und dem germanischen war entstanden.
Während der Zeit der Thronvakanz führte Heinrichs Witwe, Kaiserin Kunigunde, die Reichsgeschäfte. Am 4. September 1024 versammelten sich die Fürsten in Kamba am rechten Rheinufer gegenüber Oppenheim, ohne Beteiligung der Sachsen. Der Erzbischof Aribo von Mainz leitete die Wahl. Als Kandidaten standen die beiden gleichnamigen Vettern Konrad, der Ältere und sein jüngerer Vetter, für das Königtum zur Wahl.
Konrad der Ältere hatte 1024 bereits einen siebenjährigen Sohn, der eine neue Herrscherdynastie fortführen konnte. Außerdem konnte er Herrschererfahrung nachweisen, was die entscheidende Bedeutung bei der Wahl gehabt haben soll.
Der Thüringer Zehntstreit
Im Zuge der beginnenden Auseinandersetzungen zwischen dem Königtum, den Grundherrschaften des Adels und den Bauern ist der Thüringer Zehntstreit von Bedeutung. Diesen Streit hat es nur im vom König direkt verwalteten Gebiet gegeben, ausgelöst durch die besonderen Bedingungen nach dem Zerfall des Thüringer Königreiches.
Der Streit ist in Thüringen im 11. Jahrhundert ausgebrochen und wird auch in der Synode in Erfurt 1073 behandelt. Aus den Urkunden kann herausgelesen werden, dass Thüringen vor dem 11. Jahrhundert vom Erzbistum Mainz nicht zur Abführung des Zehnten verpflichtet wurde.
Im Thüringer Zehntstreit ging es um die Frage, ob die Einkünfte aus dem Zehnten in Thüringen allein dem Mainzer Erzstift zustehen würden oder den Reichsklöstern Hersfeld und Fulda. Es ging demnach nicht um die Frage, ob überhaupt, sondern wer die Früchte der Abgabe genießen durfte.
Der Aufstand der Thüringer und Sachsen 1073/74
Die Verbitterung der Thüringer über die Unterstützung des Erzbistums Mainz durch den König führten 1073 zu einem sächsisch-thüringischen Schwurverband, der auf der Tretenburg – jener uralten Thüringer Gerichtsstätte und Fluchtburg – begründet worden ist. Dort versammelten sich die kampfbereiten Thüringer und verpflichteten sich durch Eid und Schwur, mit den Sachsen ein Bündnis einzugehen.
Erneut demonstrierten die Thüringer auf ihrer alten Flucht- und Trutzburg ihr Stammesbewusstsein, das man ihnen 531 auf immer hatte nehmen wollen.
Das Thüringisch-Sächsische Schwurbündnis auf der Tretenburg im Sommer 1073 hätte die europäische Entwicklung, wäre es erfolgreich gewesen, möglicherweise dauerhaft zum Guten verändert. Das Ergebnis wäre vielleicht die erste Eidgenossenschaft mitten in Europa gewesen, knapp vor der später erfolgreichen Schweizer Eidgenossenschaft, die urkundlich 1291 mit Uri, Schwyz und Unterwalden entstanden ist.
Unter Friedrich I. Barbarossa
Friedrich wurde 1122 als einziger Sohn des staufischen Schwabenherzogs Friedrich geboren. Die Fürsten erhoben ihn zu Frankfurt am 5.3.1152 zum König. Am 9.3. wurde er in Aachen von Erzbischof Arnold von Köln gekrönt.
Den Staufern war ihre prestigeträchtige Verwandtschaft mütterlicherseits mit den Saliern enorm wichtig. Die Großmutter Friedrich Barbarossas war Agnes, eine Tochter des salischen Kaisers Heinrich IV. Barbarossa verstand sich als Nachkomme des ersten Salierkaisers Konrad II.
Mit Thüringen hat den König insbesondere das verwandtschaftliche Verhältnis zu dem Thüringer Landgrafen Ludwig II., dem Eisernen, verbunden. Ludwig war mit der Schwester von Friedrich verheiratet. Friedrich hat sich wenig in Thüringen aufgehalten; vielmehr hat er sich um Italien gekümmert und den Kampf gegen die aufstrebenden freien Handelsstädte Mailand und Florenz.
Das Unglück auf dem Hoftag in Erfurt 1184
Der Kaiser Friedrich I. wollte die Zwietracht zwischen dem Thüringer Landgrafen und dem Mainzer Erzbischof schlichten lassen und sandte seinen Sohn, den jungen König Heinrich, im Juli 1184 nach Erfurt, wo die feindlichen Parteien zu erscheinen hatten.
Auf diesem Hoftag stritt der Thüringer Landgraf Ludwig mit Konrad, Erzbischof von Mainz. Streithähne waren auch die Grafen Heinrich I. von Schwarzburg und Erwin II. von Gleichen, Vogt von Erfurt.
Die Versammlung fand im obersten Stockwerk der Dompropstei der Marienkirche statt. Da krachte plötzlich während heftiger Debatten der Tragbalken des Saales, der schwere Estrich wich unter den Füßen und brach mit solcher Wucht zusammen, dass er den ganzen unteren Stock durchschlug und die Herabstürzenden mit sich in die unter dem Hause befindliche Kloake riss. Allein fünf Grafen kamen ums Leben: Heinrich von Schwarzburg, Friedrich von Arinberg, Friedrich von Kirchberg, Gozmar von Ziegenhain und der Burggraf der Wartburg, Burkhardt von Wartberg.
Der Vorfall ging später als der Erfurter Latrinensturz in die Geschichte ein. Landgraf Ludwig wurde wohlbehalten aus der Tiefe gezogen; der König und der Erzbischof waren vor dem Sturz bewahrt worden, weil sie in den Fensternischen saßen. Viel Trauer verursachte dieser Hoftag in Erfurt.
Landgraf Hermann I. – der Sängerfreund
Geboren wurde Hermann um 1155 und starb am 25.04.1217 in Gotha. Mit dem Tode seines Bruders Ludwig III. 1190, der keine männlichen Erben hinterließ, drohte der Versuch des Königs Heinrich VI., die Lehen der Ludowinger einzuziehen. Auch durch Vermittlung seiner Mutter gelang es Hermann, das Erbe anzutreten.
Hermann konnte die landgräfliche und die pfalzgräfliche Gewalt auf sich vereinen und verfügte damit über die bedeutendste Territorialmacht im mitteldeutschen Raum. Thüringen erstreckte sich nun von Merseburg und Altenburg im Osten, Sangerhausen im Norden bis nach Fritzlar und Marburg im Westen. Die Stammburg der Landgrafen, die Wartburg, liegt nahezu in der Mitte des Herrschaftsgebietes.
Die Wartburg, die Hermann erstmals weiter ausbaute, wurde zu einem Zentrum höfischer Dichtung und zu einer Stätte ritterlich-weltfrohen Lebens. In seiner Umgebung und auf der Burg sind Heinrich von Veldeke, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide oft Gäste. In der mittelhochdeutschen Dichtung vom Wartburgkrieg werden Hermann und der Dichterkreis seines Hofes literarisch verewigt. Richard Wagner hat in Tannhäuser und der Sängerkrieg (1845) die Sage neu erweckt.
Karl erzähltKarl von Arnstadt war nun schon einige Jahre auf der Wartburg als Schreiber tätig und immer im Gefolge des Landgrafen Hermann. Karl hatte in Eisenach einige Besorgungen gemacht und schritt langsam durch das dreifache Tor der Wartburg. Schon von Weitem tönte vom Burghof festliches Gelage an seine Ohren. Zwischen den Zechern sitzt Walther von der Vogelweide und spielt auf seiner Laute zum Lied:
Und gält ein Fuder guten Weins tausend Pfund, doch stünde niemals eines Ritters Becher leer.
Karl erzähltMit Walther zusammen waren auf der Burg Wolfram von Eschenbach, auch ein Franke, und Heinrich von Ofterdingen, ein Österreicher, der schon länger in Eisenach logiert. Weiter waren als Sänger Johannes Biterolf und der Thüringer Reinmar von Zwätzen am Hof des Landgrafen.
Ich bin des milden Landgrafen Ingesinde: Ich halt es so, dass man mich immer bei den Besten finde. Ist der Landgraf so gemuth, dass er mit stolzen Helden seine Hab verthut.
Karl erzähltIm Geiste der Zeit lagen poetische Wettkämpfe und Preissingen vor erlesenen Zuhörerkreisen. Als erster tritt Heinrich von Ofterdingen vor. Karl stellte mit Erschrecken fest, dass Heinrich von Ofterdingen das Lob des Erzherzogs von Österreich singt – ja, er ruft sogar zum Wettstreit auf, wer der freigiebigere Fürst ist.
Das vollständige Buch Teil 2
Diese Leseprobe ist nur ein Ausschnitt. Den ganzen Band gibt es als gedrucktes Hardcover.
