Die Dorier
Wenn man über die Thüringer oder Düringer im Zeitraum vor der Zeitenwende nachdenkt, kommt man an der Geschichte der Dorier nicht vorbei. Im Zuge der ersten Völkerwanderung nach dem Einschlag des Kometen in die Eidermündung kamen Teile der ehemaligen Nordvölker – Orianaer – bis nach Griechenland. Die Griechen benannten die einfallenden Völker nach ihrem Anführer Herakles – die Herakliden. Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass Herakles der germanische Gott Thor war. Die Griechen gebrauchten jedoch noch einen weiteren Namen für die einfallenden Nordvölker – Dorier! Mehrere Autoren gingen davon aus, dass die Dorier aus dem Norden, durch Mitteleuropa und über die Balkaninsel nach Griechenland kamen.
Timagenes spricht vom Nordseemeer als ursprüngliche Heimat der Dorier oder Dorer. Dort lebten einst die Dori oder Duri, Groß Duren oder Hermunduren. Nachdem sie ihre Heimat verlassen hatten und gen Süden wanderten, blieb ein Teil in Mitteldeutschland oder kehrte dorthin zurück, sodass Heinz Rehder vermutet, dass die Düringer oder Thüringer Nachkommen der Hermunduren waren. Die alte Heimat der Thüringer lässt sich heute noch an Ortsnamen oder Flurnamen nachzeichnen.
Besiedelungen in Mitteldeutschland
Die im späteren Thüringen siedelnden Menschen trieben bereits vor den katastrophalen Ereignissen Handel mit der höher entwickelten Kultur im Raum der heutigen Nordsee. Diese Gebiete waren vor den Veränderungen der geografischen Breite eher der gemäßigten bis subtropischen Region zuzurechnen. Bereits metallurgisch erzeugte Waffen kamen bei der Jagd zum Einsatz; Keramik und Schmuck waren weiterentwickelt, als heute allgemein gelehrt wird.
Ausgrabungen in Thüringen, welche die Fürstengräber betreffen, wie auch der Fund der Himmelsscheibe von Nebra sprechen hier eindeutig eine ganz andere Sprache. Seit 2016 wurden erstmals seit 140 Jahren am Leubinger Hügel und in seinem Vorfeld archäologische Untersuchungen durch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) vorgenommen. Dabei traten bisher völlig unbekannte Befunde zutage: ein kleiner vorgelagerter Grabhügel, spätbronzezeitliche Gräber um den Haupthügel sowie Hinweise auf seine tatsächliche Größe.
Der Leubinger Fürstenhügel ist der größte noch weitgehend erhalten gebliebene frühbronzezeitliche Grabhügel Mitteleuropas. Die Ausstattung des Fürsten mit Gold in einer aufwendigen Grabkammer enormer Größe bezeugt einen Machtanspruch frühbronzezeitlicher Herrschaft. Der Hügel ist eingebettet in eine über Tausende von Jahren entstandene kleine Totenlandschaft.
Karl erzählt
Karl erzähltSeit vielen Monden ist die Sonne wieder über der Tiefebene aufgegangen. Karl hat das Langhaus seiner Sippe im Heidinger Klan verlassen und ist auf dem Weg zur Jagd. Seine Gedanken sind noch bei dem Fest Hohe Maien, das jedes Jahr auf der Klanburg zum Anlass der Vereinigung von Odin mit der Göttin Frya gefeiert wird. Es ist das jährliche Fruchtbarkeitsfest. Karl hat dieses Jahr noch nicht an der Versteigerung teilgenommen, er möchte sich noch nicht binden.
In diesem Jahr waren wieder Gäste aus dem Norden anwesend, der Burggraf von Almaland mit seinem Gefolge. Seit langer Zeit bestehen enge Verbindungen und Handelsbeziehungen zwischen den nordischen Völkern und dem Klan an der Onestruda. Die Klans in den Tiefebenen der Thoringi südlich des Brukka sind bekannt für ihre Kunstfertigkeit in der Gold- und Silberschmiedekunst und in der Zucht ausdauernder Pferde.
Karl ist trotz seiner noch jungen Jahre schon erster Schwertführer des Klanherren und saß deshalb zu dessen Linken an der Tafel. Ihm geht immer wieder das Gespräch durch den Kopf: 1005 Jahre nach dem Untergang Adlands kamen drei zierliche Schiffe an die nordische Küste. Auf dem größten war ein König der Jonischen Inseln, sein Name war Odysseus. Diesem König war vorhergesagt, dass er König über alle Krêkaländer werden sollte; deshalb wollte er Rat von der Weisen Mutter einholen.
Karl sieht auf einer nahen Waldlichtung Rehe äsen. Langsam pirscht er sich an und nimmt den Langbogen von der Schulter. Der Schuss trifft gut, er bricht das Reh auf und dankt Göttin Skadi für die Jagd.
Die ersten Thüringer Könige
Als erster König der Thüringer könnte Merwig I. (Moebis) gelten, der um 329 geboren wurde. Dies steht in keinem Widerspruch zur letztmaligen Erwähnung der Hermunduren in der Gotengeschichte des Jordanes 335 und der angeblich erstmaligen schriftlichen Erwähnung des Stammes der Thüringer (Toringi) im Jahre 380.
Der Name Merwig (auch Marwech, Merovech, Moebis) hat eine doppelte Bedeutung. Er kann als vom Meere weg interpretiert werden, denn die Warnen zogen von der Ostsee nach Südwesten. Er könnte aber auch berühmter Kämpfer (mar-wig) bedeuten.
Einige Quellen behaupten, dass die Franken über den Ursprung der Merowinger eine alte Sage hatten, nach welcher der erste König Merowech von einem Seeungeheuer geboren wurde. Diese Sage bekommt eine logische Erklärung, wenn man erfährt, dass eine Thüringer Prinzessin, die Tochter König Merwig I. – Merowna (367–407) – die Mutter des Stammvaters Clodion Merowech (395–445) und somit der Merowinger ist.
Im 3. Jahrhundert zog der Stamm der Burgunder von der Oder kommend durch Thüringen und bildete zwischen Taunus, Rhein und Neckar ein Königreich. Im Jahre 411 wurde Gunther König der Burgunder. Im Jahre 435 fiel er in die römische Provinz Belgica ein, was einen Vertragsbruch bedeutete.
Im gleichen Jahr hielt sich König Gunther zusammen mit König Merwig II. und König Attila zu Friedensverhandlungen in Thüringen in Eisenach oder Günthersleben auf. Nach dem Scheitern der Verhandlungen wurden die Burgunder von Aetius und Attila 436 geschlagen, ihr Königssitz Worms zerstört (Nibelungensage) und 443 in die römische Provinz Sapaudia (Savoyen) umgesiedelt.
Auf den Katalaunischen Feldern in der Nähe von Troyes wurde das Heer Attilas (406–453) im Jahre 451 vernichtend geschlagen. Eindrucksvoll wird dieses Ereignis 456 vom Bischof Sidonias Apollinaris in seinem Heldenepos geschildert, in dem er auch die Thoringi als Verbündete der Hunnen nennt.
Nachdem König Merwig II. gefallen war, siedelte sich der Rest des Thüringer Heeres zwischen Maas und Schelde im heutigen Belgien an. Bezeugt werden diese Westthüringer durch einen Brief Theoderich des Großen aus dem Jahre 491, der die Könige der Heruler, Warnen und Thüringer um Unterstützung gegen den Frankenkönig Chlodwig bittet.
Nachgewiesene Thüringer Könige – Bisin I. und Bisin II.
Die Tatsache, dass es zwei Bisinos gegeben haben könnte (Vater und Sohn), bestätigt sich auch in den fränkischen Berichten. Bereits Bisin I. verlegte seine Hauptresidenz aus dem Gebiet um Erfurt in die Nähe von Eisleben. Zwischen Hedersleben, Polleben, Friedeburg und Fienstedt liegt der Ort Beesenstedt, das alte Bisinstede (1144 Bisenstide).
Der Name Bisin oder Besino leitet sich vom altgermanischen bisa ab und bedeutet wild, alle Kräfte aufbietend, losstürmen – eine Beschreibung von Eigenschaften, die germanische Väter in ihren Söhnen gewiss gern sahen.
Der Sohn Bisin I., Bisin II., heiratete die langobardische Prinzessin Menia, während seine jüngere Schwester Radegunde 503 mit dem späteren Langobardenkönig Waco (482–540) verheiratet wurde. Um 480 war der Thüringer König Bisin II. auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Hoch angesehen und mit den einflussreichsten Königshäusern (Franken, Langobarden und Ostgoten) verwandt, regierte er eines der größten Königreiche – größte Nord-Süd-Ausdehnung circa 430 Kilometer, größte Ost-West-Ausdehnung etwa 220 Kilometer, ungefähre Fläche circa 60.000 Quadratkilometer.
Königin Menia schenkte König Bisin II. zwischen 480 und 490 drei Söhne: Baderich, Herminafrid und Berthachar. Im Jahre 505 starb König Bisin II. Ab 509/510 haben die drei Brüder das Königreich gemeinsam regiert. Relativ kurz nach der Reichsteilung starb Baderich 519 plötzlich.
Der Arianismus und Königin Amalaberga
509/510 heiratete Herminafrid die Tochter des Wandalenkönigs Thrasam und der Ostgotin Amalafrida mit Namen Amalaberga. Sie war arianische Christin und wollte den Glauben unter den Thüringern einführen, was nicht auf Gegenliebe stieß.
Der Arianismus war eine frühe christliche Lehre aus dem 4. Jahrhundert, benannt nach dem Priester Arius. Nach arianischer Lehre ist Jesus Christus nicht wesensgleich mit Gott. Die Lehre wurde 325 auf dem Ersten ökumenischen Konzil von Nicäa verdammt.
König Herminafrid errichtete seinen Königshof in Herbsleben an der Unstrut, heute zwischen Erfurt und Bad Langensalza gelegen. Der Standort war ideal: umgeben von fruchtbaren Feldern des Unstruttals auf einem kleinen Hügel.
Erster Krieg gegen das Thüringer Königreich 529
Der spätere Vernichtungskrieg 531 hatte einen Vorgängerkrieg 529, der für die Thüringer zwar nicht verloren ging, aber zu schweren Verlusten an Kämpfern und Kapazitäten führte und die Ursache für den vernichtenden zweiten Krieg setzte.
Als Theoderich der Große am 26. August 526 in Ravenna starb, klingelten im Frankenreich die Alarmglocken. Die Merowingerherrscher konnten nun ungestört gegen das Thüringer Reich vorgehen.
Im Jahre 529 erfolgte der erste Angriff der Franken unter König Theuderich auf den nördlichen Teil der Thüringer Königreiche, der von König Berthachar regiert wurde. Das Thüringer Heer hatte um sein altes Heiligtum Dorstadt und das Dorf Ohrum an der Oker seine Verteidigungslinie aufgebaut.
Den Angriff der Franken konnten die Thüringer Heere entscheidend abwehren. König Berthachar fiel allerdings in einem der Kämpfe, aus denen die Thüringer Kämpfer siegreich, aber stark geschwächt hervorgingen.
Die Niederlage 531 – und ihre Folgen für 1.500 Jahre
Mit dem Tod Theoderichs war das Gleichgewicht zerbrochen, der ostgotisch-thüringische Machtblock zerschlagen. Von Norden und Osten drangen die Langobarden in die ostgotischen Gebiete ein. Die Franken zogen von Westen her gegen das Thüringer Königreich.
Die Ereignisse von 531 waren für die Thüringer dramatisch – für die nächsten 1.500 Jahre. Die Niederlage bedeutete nicht nur den Verlust ihres Königtums und die drastische Verkleinerung ihres Siedlungsraumes, sondern auch den Verlust ihrer persönlichen Selbstständigkeit und die Unterwerfung unter die Merowingerkönige.
Diese lange Zeit, in der Thüringen von fremden Mächten beherrscht wurde, ist heute Ursache dafür, dass viele meinen, Thüringen sei nur ein Landschaftsname des 1918 entstandenen Kunststaates. Hier ist dringende Aufklärung geboten. Die Thüringer gehörten zu den ältesten germanischen Urstämmen, gleichberechtigt mit Sachsen, Friesen und Alemannen.
Das vollständige Buch Teil 1
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